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11. März 2009 FreeStyle-Cocktail.de heißt unsere schulformübergreifende und interkulturelle Seite für Jugendliche. Wer sie sich mal ansehen möchte, findet sie unter www.freestyle-cocktail.de. Fünf bis sieben Jugendliche, die mehr oder minder zufällig zusammen gekommen sind, liefern Fotos, schreiben Artikel oder versuchen, ihre ersten digitalen Filme zu drehen und, ein wenig bearbeitet, unter FreeStyle ins Netz zu stellen. Demnächst haben wir einen Workshop für die Redakteure im Textzentrum, in dem sie sich mit dem Schreiben von Reportagen und Führen von Interviews vertraut machen wollen. Es wird zusehends schwieriger, Jugendliche zu finden, die neben den Anforderungen der Schule zu solchen Leistungen bereit sind. Es erfordert zusätzlich Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Nicht immer haben sie den Kopf dafür frei. Prüfungsstress ereilt sie alle. Sogar die Waldorfschulen, über die man allgemein recht wenig weiß und nur mit dem stereotypen Vorurteil in Verbindung bringt, dort würden die Schüler nicht lesen, schreiben und rechnen lernen, dafür aber könnten sie ihren Namen tanzen, -sogar die Waldorfschulen bleiben nicht von Prüfungsstress und Evaluation des Unterrichts verschont. Dabei sind weder Leistungskontrolle noch Evaluation des Unterrichts und der Lehrinhalte das eigentliche Problem; dagegen allein wäre nichts einzuwenden. Aber diese Dinge werden von staatlicher Seite längst nicht mehr mit Sinn und Verstand betrieben und eingefordert, sondern mit der Hysterie, die der Großmannssucht und imperialen Machtgier der Berliner Republik eigen sind. Die Deutschen "sind Papst", sie sind wieder wer - sie haben beim Fußball im Fahnenmeer baden dürfen, und das als ein wunderbares Sommermärchen empfunden. Der dritte Platz erschien ihnen wie ein Märchen. Und so soll es weitergehen. Da gibt es keinen Raum für Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen, lebensgefährlichen Schlendrian und menschenverachtende Schlamperei bei der Endlagerung von Atommüll - nein, das Land ist sauber, leistungsstark und alle haben ein großgeschwollenes Nationalbewusstsein. Viel mehr bleibt den Menschen auch nicht übrig. Arthur Schopenhauer, ein als recht konservativ geltender deutscher Philosoph war es, der einmal bemerkte, daß die Menschen dann auf ihr Land, ihre Nation, ihre Rasse stolz seien, wenn sie sonst nichts hätten, worauf sie stolz sein könnten. Die Erniedrigung durch verzockte Ersparnisse, mit denen man an der Börse groß tun wollte, der Zusammenbruch des sogenannten Neuen Marktes, der Verlust der eigenen Währung, die nichts anderes brachte als eine (un)heimliche Verteuerung, die Unsicherheit um die Existenz durch das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit, die Erniedrigung beim Gang durch die Mühlen der Hartz IV-Gesetzgebung und zugleich das Wissen darum, daß diejenigen, die diese Gesetze ersannen und durchpeitschten, selbst auf großem Fuß leben. Worauf soll man da stolz sein? Und dann schleicht sich mit den Ergebnissen der PISA-Studie die Erkenntnis ein, daß auch als vermeintliche Bildungsnation, als "Land der Dichter und Denker", nicht mehr viel zu holen ist. Alles verzockt, selbst der Geist :-( Da sehen die Menschen, daß Geld da ist, wenn es um das Wohl und Weh' der Banken geht, deren Manager sich einfach verspekuliert haben und Geld fehlt, wenn es um Bildung, Gesundheit oder Kultur geht. Angeknackst ist dadurch ein prinzipielles demokratisches Gefühl für die Gesellschaft. Niemand mag sich mehr so recht als einen Teil des Ganzen begreifen, für das man Verantwortung übernehmen müßte. Es geht das demokratische und zivilgesellschaftliche Verantwortungsgefühl verloren - wird verzockt. Mitgefühl und Solidarität kommen abhanden. Dennoch ist der Versuch wichtig, den Jugendlichen fast ohne Belohnungsversprechen ein bißchen Idealismus nahezubringen. FreeStyle ist ein solcher Versuch. Ein anderer, auf den ich noch in einigen Tagen oder Wochen zu sprechen kommen werde, ist UBUNTU. Erst wenn man den kleinkarierten und habgierigen Utilitarismus aufgibt oder einfach losläßt, hat der Mensch wirklichen Nutzen davon. Darüber wird im Textzentrum gesprochen, diskutiert, geschrieben und publiziert. Meinungs- und Ideenvielfalt ist dabei das oberste Prinzip. Als ein Projekt im Rahmen des Festivals LiteraTürk 2007 begonnen, wird die FreeStyle-Idee langsam, aber beharrlich weiterverfolgt. Nachhaltige Kulturarbeit erfordert manchmal Geduld und immer Ausdauer. In diesem Sinne werden wir, nicht nur bis 2010 durchhalten, um dann das Interkulturkapitel abzuschließen, sondern an den Ideen, die uns wichtig sind, weiter festhalten. Uri Bülbül 23. Februar
2009
«Linda stellte sich das Altwerden immer nur als Verlust von Attraktivität und Schönheit vor und wurde nicht müde, zu betonen, daß sie keine Angst vor dem Alter habe. Mercury wußte es leider besser - nicht deshalb, weil er mehr als zehn Jahre älter war als Linda, sondern weil er nach einem Verkehrsunfall wochenlang im Krankenhaus gelegen hatte - unfähig, allein auf die Toilette zu gehen oder sich zu waschen. Nach einem Verkehrsunfall, den er nicht verschuldet hatte, der ihn aber dennoch nicht verschont ließ. Das Leben hatte sich ihn ausgesucht, um noch einmal zu demonstrieren, daß Glätte nur Fassade war. Dahinter bröckelte es, und alles bekam Risse.» Diesen Text schrieb ich vor etwa vier Jahren. Und im Wintersemester 2005/2006 erhielt ich freundlicherweise die Gelegenheit, meine Bild-Text-Experimente, zu denen auch dieser Text gehörte, im psycho-sozialen Kommunikationszentrum der Ruhr-Universität, in der OASE, unter dem Titel gefiltert & geebnet auszustellen. In meiner Eröffnungsrede legte ich wert auf den medientheoretischen Aspekt, daß mit der digitalen Fotografie rein produktionstechnisch betrachtet die Arbeitsvorgänge eines Schriftstellers und Fotografen sich einander annähern. Fotografie wird im wahrsten und ursprünglichsten Sinne des Wortes zur Foto-Graphie, zum Schreiben mit Licht. Der Text besteht nicht nur aus dem Sinngehalt der zu Wörtern und Sätzen zusammengefügten Buchstaben, sondern auch aus der Art des Materials, auf dem sie sich befinden, aus dem Schriftbild, den Buchstabentypen - eben aus allem, was zur publizistischen Aufmachnung eines Textes dazu gehört. Das Altwerden erlebte ich damals nicht so unmitelbar wie heute, da mein Vater 82-jährig massiv abbaut und meine Tante, auf seine Anrufe im Altenheim seltsam reagiert. Es schockiert meinen Vater, seine drei Jahre jüngere Schwester dement zu erleben, die ihn an der Stimme durchaus erkennt und mit ihm plaudert. Aber auf seine Frage, wie es ihr gehe, beispielsweise antwortet: «Sehr gut. Wir sitzen gerade bei einem Tee und unterhalten uns.» Und wenn mein Vater fragt, mit wem sie sich denn schon im Heim angefreundet habe, sagt sie: «Wieso Heim? Mama und ich sind zu Hause». Die Selbstverständlichkeit, mit der meine Tante mit meiner längst verstorbenen Oma Tee zu trinken scheint, erschreckt meinen Vater zu tiefst. Und er sagt, er habe viel weniger Angst vor dem Tod als vor der Demenz. Linda
sollte ein Teil einer Bildererzählung im Internet werden. Mein literarisch-piktographisches
Experiment trug den Titel Gregor -
meine Auseinandersetzung mit Kafkas Verwandlung. Ich bin nicht reif für
dieses Projekt. Ich hatte die Idee, ich habe einige Seiten entwickelt und
Textpassagen geschrieben, muß die Arbeit aber noch ein bißchen
liegen lassen. Als ich am 22. Dezember 2008 Gregor noch einmal unter einem
großen Datenmüllberg entdeckte und zum Entstauben hervorholte,
konnte ich mir nicht sicher sein, ob ich nun die Kraft besitze, daran weiter
zu arbeiten. Nun weiß ich es: Nein, ich bin noch nicht so weit :-(
Wir fangen damit an und sind sehr gespannt, wie sich das entwickelt. In ein Textmuseum gehören publizierte und unpublizierte Texte, Briefe oder Tagebücher von Urgroßeltern, Postkarten oder Zeitungsausschnitte. Aber natürlich gehören in ein Textmuseum auch alte Bücher. Das Text-Museum wäre die Steigerung eines Textflohmarktes. Ältere Texte würden nicht nur zum Stöbern und Tauschen oder preisgünstigen Kauf angeboten, sondern sie würden konserviert, aufbewahrt und nur noch zur Betrachtung exponiert. Wichtig aber ist in jedem Fall der kreative Umgang mit Texten; sie können
zum Schmökern, Träumen und Phantasieren einladen. Sie können
Anregungen bieten und zur Grundlage neuer Texte werden. Texte für
solche Zwecke aufzubereiten, damit sie wie auf dem Flohmarkt oder im Museum
betrachtet und wieder rezipiert werden können, macht Kulturarbeit
aus.
Die Praktikumstage unserer Berufspraktikantin, die aus Oldenburg angereist kam, um mit einer Sondergenehmigung ihrer Schule bei unserem Literaturverein ihr Berufspraktikum zu absolvieren, gehen zu Ende. Es waren sehr schöne und lehrreiche zwei Wochen - nicht nur für Lina. Ich habe begriffen, was ich eigentlich schon wusste: Junge Menschen entwickeln große Potenziale, wenn sich nicht zu Objekten von Beschulungen gemacht werden, sondern als Subjekte ihres Denkens und ihrer Gefühle frei agieren dürfen. Ob wir die Zwänge des Erwerbslebens wiedergegeben haben? Ich glaube nicht. Lina hatte Mitsprache und Entscheidungsrecht, fragte viel und bekam so viel wie möglich erörtert und erklärt. Sie packte ob am Computer oder am Fotoapparat mit an, übernahm Scan-Arbeiten, baute Internetseiten, schrieb einen Artikel. Ich frage sie zum Abschluss ihres Praktikums, ob sie nicht Lust habe, ein paar Zeilen zu schreiben und über ihre Eindrücke selbst zu sprechen. Ganz gleich, was kommt. Zensiert wird nicht! Uns ist es gelungen, die Kulturprogramm-Seiten auf dem Laufenden zu halten. Nun gilt es aber darauf zu achten, daß wir die Seiten nicht nur auf dem Laufenden halten, sondern inhaltlich auch den Dingen auf den Grund gehen. Hierzu sollen die Netzwerktreffen dienen, die im Textzentrum angeboten werden. Eines dieser Netzwerktreffen richtet sich an Angehörige von Hochschulen und an Interessente der Hochschulpolitik. Zur Zeit tut sich sehr viel in der hochschulpolitischen Landschaft ? nicht nur von der Seite der Regierenden her, sondern auch die Menschen, die Objekte dieser Regierung werden sollen, agieren und verstehen sich als Subjekte. Die Studierenden diskutieren die Studiengebühren und wehren sich dagegen. Und wir im Textzentrum fragen nach Konzepten und Prinzipien der Universität als Idee und in der Realität. Leider haben wir darüber den Diskursbasar sehr vernachlässigt, und am Samstag findet schon in Hattingen die Hattinger Integrationskonferenz statt, über die auf den Diskursbasar-Seiten berichtet werden sollte. Aber auch das Kulturarchiv des Bundesverbandes Studentische Kulturarbeit hat noch einiges zu bieten und wartet nur darauf, ausgegraben zu werden. Übrigens auch in Sachen Interkulturalität. Der erste Textflohmarkt des Jahres steht am 6. und 7. Februar an: Von 14.00 bis 20.00 Uhr kann gestöbert, gelesen, gefragt, vorgestellt und diskutiert werden. Wir freuen uns auf Ihren Besuch! Uri Bülbül 22. Januar 2009Die ersten drei Januar-Wochen gehörten der FreeStyle- und Kulturprogramm-Redaktion.
Unter www.freestyle-cocktail.de, unserem interkulturellen Jugendmagazin,
veröffentlichten wir Yolanda Liechtis Artikel «Fleisch zum Frühstück
- und andere Kuriositäten». Die erste Reportage der fünfzehnjährigen
Schülerin.
Doch zunächst steht das Netzwerktreffen Kulturarbeit & Hochschulpolitik am 27. Januar 2009 an. Hierzu lädt das Archiv für Kulturarbeit im Textzentrum politisch engagierte und inhaltlich, theoretisch interessierte Menschen ein. Die Rundmail des Protestkomitees gegen Studiengebühren aus Bochum hat auch das Textzentrum erreicht und ein gewisses Stirnrunzeln über den Ausdruck «Bildungsstreik» ausgelöst. Vielleicht haben die Kolleginnen und Kollegen einen Kandidaten für das Unwort 2009 aufstellen wollen. Es könnte ihnen gelungen sein. Auch hier kann jedenfalls eine redaktionelle Auseinandersetzung nicht ausbleiben. Wir haben viel zu tun. 8. Januar 2009Die erste Januar-Woche ist schon um. Nun lohnt es sich fast nicht mehr,
allen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Noch ein, zwei Tage, dann
wird man für vollkommen anachronistisch gehalten, wenn man es dennoch
tut :-( Aber als anachronistisch zu gelten ist das große Problem
nicht. Vielleicht ist es ganz gut, wenn man in der Gegenwart etwas deplaziert
ist - das zeugt nicht unbedingt davon, daß man auch geistig nicht
ganz auf der Höhe der Zeit ist, auch wenn das einem immer mal wieder
suggeriert wird. Einerseits amodisch, andererseits aber nicht unmodern
und schon gar nicht anachronistisch zu sein, ist für unser Projekt
mit dem interkulturellen Jugendmagazin sehr wichtig. An diesen Internetseiten
haben wir in den vergangenen Ferientagen gearbeitet.
Uri Bülbül 28. Dezember 2008Die Weihnachtsfeiertage sind hoffentlich fröhlich, besinnlich und
und in Nächstenliebe gut überstanden. Nun können Geschenke
umgetauscht und die Silversterparty angegangen werden. In der Redaktion
des Textzentrums-Essen wurde hinter den Kulissen ein wenig gearbeitet.
Die poetologischen Eckpunkte müßten zwar in einen Text gegossen
werden. Aber noch wichtiger erschien mir, die Seiten des Kulturprogramms
endlich zu aktualisieren und ihnen das neue redaktionelle Konzept angedeihen
zu lassen, was schon seit einigen Wochen geplant war. Das Kulturprogramm
wird seinen Schwerpunkt auf Kulturarbeit legen und damit inhaltlich in
die Nähe des Kulturarchivs rücken.
Labor für interkulturelle Netzwerkbildung - DiskursBasar
Daneben bieten wir Workshops und Netzwerktreffen für Literatur,
Philosophie und Kulturarbeit & Hochschulpolitik an. Informationen über
die Netzwerktreffen befinden sich unter der Rubrik «Symposien».
Als der Beitrag zu «Poetologie» verfasst werden sollte, wurde recht schnell deutlich, wo die «Probleme» stecken: das Projekt Textzentrum/Schreibhaus ist verdammt ehrgeizig und umfangreich, ein gigantisches Bauwerk ? zumindest im gegenwärtigen Zustand eine gigantische Baustelle. Wenn uns jetzt die Puste ausgeht, sieht man nur zerfurchte Erde, zerstörte Landschaft. Noch aber geht uns die Puste nicht aus. Im ersten Quartal des kommenden Jahres gibt es bereits einige Workshops, auch wenn die theoretischen und konzeptionellen Betrachtungen dazu vorerst ausbleiben. Zu den Workshops existiert längst schon ein Paradigma, das sie eint und auf ein Ziel hin ausrichtet. Angefangen hat alles vor vierzehn Jahren in der Kulturabteilung des Akademischen Förderungswerkes Bochum (boSKop) mit dem kreativen Schreibtraining. Ein Ankündigungsplakat hing auch bei den Altphilologen. Da schrieb jemand mit einem Kugelschreiber unter die Überschrift: «Was für Idioten! Ist das Schreiben nicht immer kreativ?» Klar, aber die Begriffe wandelten sich oder wurden neu besetzt: was dem Altphilologen seine Poetik, ist der Szene des Creative Writing das kreative Schreiben ;-) sprich das literarische Schreiben fiktionaler Texte. Kreativität bedeutet in diesem Zusammenhang das Erschaffen von erfundenen Welten, Figuren, Ereignissen. Die altehrwürdige Disziplin der Poetik übrigens konzentriert sich auch auf die Dichtkunst und überläßt das Verfassen von Sachtexten, Briefen, Reden u.ä. der Rhetorik. Unsere Poetologie im Textzentrum will all diese Begriffsbestimmungen, Disziplindefinitionen und Abgrenzungen neu überdenken. Fragen wir uns doch einmal und nicht zuletzt frecherweise, ob tatsächlich grundsätzliche Unterschiede zwischen fiktionalen und Sachtexten existieren und wenn ja, wie diese aussehen! Wer im Textzentrum kreatives Schreiben im Sinne von Creative Writing erwartet, muß ganz herbe enttäuscht werden. Für uns besteht das Schreiben nicht aus ein paar Schreib- und Sprachspielchen und Lockerungsübungen zum Abbau von Schreibhemmungen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn manche Leute Schreibhemmungen haben. Vierzehn Jahre Schreibhaus-Erfahrungen haben gezeigt, daß das Kreative Schreiben als ein Tummelplatz der Eitelkeiten fungieren kann. Es gibt so viele, die von Schreibspielchen enthemmt von ihren effekthascherischen Ergüssen so begeistert sind, daß sie sich auf dem Weg zum Bestsellerautoren wähnen. Kaum stehen die ersten Zeilen, wird nach Urheberrechten gerungen, werden Verlagsverträge unter die Lupe genommen und die ersten Prozente vom zukünftigen Welterfolg ausgehandelt. Und als Beweis dafür, daß diese Hoffnungen zurecht bestehen, wird die wunderbare und vor allem legendäre ;-) Laufbahn der Harry-Potter-Autorin, deren Name mir entfallen ist, zitiert. Das sind die Feuchtgebiete des kreativen Schreibens. Und wer hier auf den Strich geht, macht keine Gratwanderung zwischen Kunst und Schund. Das Anliegen des Schreibhauses war immer schon die ernsthafte Förderung der schriftstellerischen Kreativität. Das aber fängt nicht mit der Poetik an, sondern mit der Poetologie. Wir müssen nicht nur die Leute zum Schreiben animieren und ihnen kleine Rezepturen für gelungene Texte feil bieten. Wir müssen die kreativen Potenziale wecken und den Menschen zu ihrer individuellen Literatur verhelfen. Wir müssen Literatur nicht als Ergon (Werk) begreifen, sondern als Energeia (Tätigkeit und Potenz) ? und die lebt nicht von fertigen Patentrezepten! Und zugleich müssen wir unser poetisches Wirken reflektieren und zu einer produktiven Literaturästhetik gelangen, die nicht nur eine Produktionsästhetik sein kann. Die Förderung der literarischen Kreativität geschieht im Rahmen einer Leitidee von Kulturarbeit. Auch wenn sie nicht expressis verbis vorzufinden ist und es an der explizierten Ausformulierung (noch) mangelt, schimmert sie doch in den konkreten Workshops hier und da durch die Texte und die Aufgaben. Klar sollte von vornherein nur Eines sein: Wer Schreibspiele und Schreibanregungen der verspielten Art erwartet, ist im Schreibhaus bzw. im Textzentrum völlig falsch. Wer das Schreiben ernst nimmt, tritt in einen Diskurs der besonderen Art. 15. Dezember 2008Unsere Öffentlichkeitsarbeit steckt immer mal wieder in der Krise. Wir schaffen es nicht, unsere Veranstaltungen und Ideen «rechtzeitig» bekannt zu geben. Das Internet verführt zu kurzfristigen Ankündigungen. Aber selbst wenn einige Menschen tatsächlich ihre Terminverwaltung über das Internet erledigen, wie es von einigen Online-Diensten angepriesen wird, hat kaum jemand in seinem Terminkalender Platz für Spontanentscheidungen. Hinzu kommt, daß kulturelle Bildung viel Muße verlangt. Um die aber ist es sehr schlecht bestellt. Andererseits gibt es Grund zur Hoffnung: Die Notwendigkeit von Bildung wird immer mehr anerkannt, auch wenn man sehr Unterschiedliches darunter versteht. Ein Textzentrum, das Workshops, Symposien, Lesungen und Publikationen anbietet und ein Archiv für Kulturarbeit betreibt, ist der prädestinierte Ort für das Nachdenken über Bildung. Mit den neuen Internetseiten nehmen wir uns vor, nach außen zu präsentieren, was wir mit Kulturarbeit meinen. Dazu wird das Schreibhaus seine Jahreshauptversammlung, das eigentlich im Oktober diesen Jahres schon fällig gewesen wäre, im Januar abhalten, und dazu organisiert der Bundesverband Studentische Kulturarbeit die Netzwerktreffen »Kulturarbeit und Hochschulpolitik«. Ein Labor für interkulturelle Netzwerkbildung, das seit Februar 2008 schon in Form eines Projektpapiers irgendwo die Runde macht und schon zu einigen Gesprächen Anlaß bot, soll nun endlich hinzukommen, auch wenn die Kulturverwaltung der Stadt Bochum sich bisher zurückhaltend und skeptisch gezeigt hat. Es sind zwei wichtige und richtige Fragen in diesem Zusammenhang formuliert worden: 1. wer interessiert sich für ein solches Labor - und zwar so, daß sich das Interesse in aktiver Beteiligung ausdrückt? 2. Was genau soll sich in diesem Labor abspielen? Nicht daß es an einem Projektpapier mit Antworten zumindest auf die zweite Frage fehlte. Kulturbürokraten aber wollen mehr sehen als nur das Versprechen eines Textzentrums auf einen Experimentierraum - zumal es sich bei den meisten Experimenten wohl eher um Gedankenexperimente handelt. Da stinkt und raucht es nicht einmal richtig. Aber knallen könnte es doch, oder? ;-) Also muß das Textzentrum deutlicher an seinem Profil arbeiten. Am besten geschieht so etwas durch Taten. Und wie können die Taten einer solchen Einrichtung aussehen? Es werden Texte sein - Texte, die durch Diskussionen und Gespräche angeregt, entstanden sind, die ihren Weg durch unterschiedliche Mailinglisten genommen haben und die irgendwo Publizität erlangten und nun auf Beachtung hoffen dürfen. Und worum geht es in diesen Texten? Um kulturelle Bildung! Und um Kulturarbeit! 7. November 2008Der Relaunch der textzentrums-Seiten sollte komplett erfolgen; keine Baustellen sollte es geben. Aber diese schier metaphysisch anmutende Idee der Perfektion, der Vollendung bleibt der Arbeitsrealität des Hypertextes fremd. Verschlungen, vielschichtig, fragmentarisch, machnmal mit toten Links oder verwaisten Seiten (wer weiß dann eigentlich überhaupt noch etwas von ihnen außer dem Webmaster?) bleibt auch das Projekt des Textzentrums-Essen mit seinen Internet-Seiten und seiner physischen Wirklichkeit im Girardet Haus am Eingang 7 unvollendet. Aber natürlich nähern wir uns dem Ende des Jahres mit zahlreichen
Plänen, Projekten und Kooperationen. Auch wenn sich einige Dinge langsam
entwickelt haben und das Wachstum hinter den Kulissen und der verschlossenen
Tür des Textzentrums stattfand, es fand statt!!! Und drängt nun
nach einer entsprechenden Ankündigung und Präsentation.
Netzwerktreffen Kulturarbeit & Hochschulpolitik Netzwerktreffen Literatur Netzwerktreffen GegenwartsPhilosophie.
Die Ruhe vor dem Sturm ist zu ende. Nun wird gewirbelt.
Uri Bülbül
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